05. 05. 2007
"Erstmals ist damit wissenschaftlich belegt, dass die so genannte Hemikranektomie Leben retten und vor schweren Behinderungen bewahren kann", erklärt Professor Dr. Werner Hacke, Ärztlicher Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg.
Patienten mit sehr großen Schlaganfällen haben eine sehr schlechte Prognose. Der Verschluss einer Hauptversorgungsadern, der mittleren Hirnarterie, führt bei nahezu 80 Prozent der Patienten zum Tode - trotz intensivmedizinischer Behandlung. Das abgestorbene Hirngewebe und seine Umgebung schwellen durch die Einlagerung von Wasser (Hirnödem) an und der Hirndruck steigt massiv. Diese Schlaganfälle werden daher auch als "maligne Infarkte" bezeichnet.
"Hemikranektomie" ist eine einfache Operation, aber umstritten
Seit Jahren wird in einigen Zentren die "dekompressive Hemikraniektomie", durchgeführt, die dem geschwollenen Hirngewebe in der kritischen Phase Raum verschafft. Nach Rückgang der Hirnschwellung wird der Knochen wieder eingesetzt. Die Operation ist relativ einfach, rasch und komplikationslos durchführbar. Allerdings ist der Eingriff umstritten. Kritiker verweisen auf mögliche bleibende, schwere Behinderungen, vor allem wenn die dominante Gehirnhälfte betroffen ist, in der das Sprachvermögen lokalisiert ist. Deshalb wird die Hemikraniektomie in manchen Zentren als Standardmethode praktiziert, in anderen dagegen allenfalls bei sehr jungen Patienten mit Schlaganfällen in der nicht-dominanten Gehrinhälfte. Manche Kliniken lehnen jegliche intensivmedizinische Behandlung wegen des schlechten Ergebnis ab.
Um dieses Dilemma zu lösen, wurden mehreren Studien initiiert, die die Hemikraniektomie vorausschauend mit einer maximalen intensivmedizinischen Behandlung vergleichen. Die deutsche DESTINY-Studie, federführend in der Neurologischen Klinik Heidelberg konzipiert und durchgeführt, war die erste Studie, die ein statistisch signifikantes Ergebnis zugunsten der Hemikraniektomie gezeigt hatte. Dies wurde von der gemeinsam Analyse mit den beiden Schwesternstudien DECIMAL und HAMLET unterstützt, die erstmals im Februar 2007 von Professor Hacke auf der "International Stroke Conference" in San Francisco vorgestellt und jetzt in der Märzausgabe von Lancet Neurology veröffentlicht wurde.
Nur wenige Patienten bleiben bettlägerig und pflegebedürftig
Die Analyse, die 95 Patienten nach schwerem Schlaganfall einschließt, zeigt einen hochsignifikanten Effekt der Überlebensrate zugunsten der Hemikraniektomie (78 Prozent) gegenüber 29 Prozent nach intensivmedizinischer Behandlung. Die Zahl der schwerst behinderten Patienten ist gering; lediglich 4 Prozent sind nach Hemikraniektomie bettlägerig und dauerhaft pflegebedürftig, in der intensivmedizinischen Behandlungsgruppe sind es 5 Prozent. 43 Prozent der Patienten sind ein Jahr nach der Operation ohne Hilfe gehfähig und entweder nur teilweise auf fremde Hilfe angewiesen oder sogar ganz selbständig. Nach maximaler intensivmedizinischer Behandlung sind es nur 21 Prozent.
"Diese Ergebnisse stellen einen Meilenstein in der Behandlung des Schlaganfalles", erklärt Professor Hacke. Von den Experten auf diesem Gebiet wurden sie in der Zeitschrift "Stroke" zu den wichtigsten Fortschritten gerechnet, die im Jahr 2006 auf diesem Gebiet erzielt werden konnten.