03. 05. 2008
Jäger und Bauern auf Rettungsmission
Wenn blaue Mülltüten wehen, Wecker nachts auf Wiesen rasseln und Irrlichter durch das Gras toben, dann bedeutet das nicht etwa, dass die Landbevölkerung neuerdings heidnischen Frühlingsbräuchen frönt. Nein, all diese Maßnahmen, so ungewöhnlich sie auch scheinen, dienen nur dem einen Zweck: Möglichst viele Jungtiere vor der ersten Wiesenmahd zu retten.
In den nächsten Wochen fallen zwei Termine zusammen, die etliches Konfliktpotenzial beinhalten: Die hoch technisierte Frühmahd auf Wiesen und die Geburt von Wildtieren. Rehkitze, Junghasen und Wiesenbrüternachwuchs ducken sich bei Gefahr instinktiv ins hohe Gras und verlassen sich auf ihre Tarnung. Für einen Wettlauf ums Überleben gegen Füchse und andere Beutegreifer sind sie noch zu schwach.
Diese Vogel-Strauß-Mentalität hat sich im Laufe der Evolution bewährt, leider ist sie jedoch gegenüber Mähmaschinen ausgesprochen gefährlich. Getupft wie eine Blumenwiese verstecken sich die Tiere im hohen Gras, und geben so dem Landwirt keine Chance, sie vom Traktor aus zu sehen. Selbst die gut ausgebildeten Jagdhunde tun sich schwer, die Kitze zu erschnüffeln. Die Jungen haben in der ersten Lebenswochen noch keinen Eigengeruch, sämtliche verräterischen Körperausscheidungen leckt die Mutter sorgsam auf - auch ein Tarnmechanismus gegen Fressfeinde. Was als Schutz gegen Räuber seit Jahrtausenden funktioniert, endet beim nahenden Kreiselmäher oft qualvoll.
Entdecken Spaziergänger in der Abenddämmerung auf Wiesen flackernde Blinklichter, wehende Mülltüten oder hören laute Musik, handelt es sich keineswegs um einen verspäteten Aprilscherz, sondern um Wildtierschutz: Am Vorabend der Mahd sollen Alttiere beunruhigt werden und ihre Jungen aus der Wiese führen. Technische Rettungshilfen für Wild wie Infrarotmessgeräte oder akustische Alarmscheuchen werden derzeit noch intensiv erprobt. Der DJV bittet Erholungssuchende, Wildtiernachwuchs keinesfalls anzufassen, auch wenn es so aussieht, als sei dieser verlassen worden. Intensiver Menschengeruch schreckt das Alttier ab und macht Jungtiere tatsächlich zu Waisen. Im Zweifelsfall lieber Abstand halten und den Jäger oder Landwirt informieren, rät deshalb der DJV. Für Reh und Hase beispielsweise gehört es zur Überlebensstrategie, die Jungen den größten Teil des Tages allein zu lassen und sie aus der Ferne zu beobachten: Geruchlos und gut getarnt sind sie für Fressfeinde wie den Fuchs nur schwer aufzuspüren.
Der effektivste Wildretter ist übrigens immer noch der aufmerksame Jäger, der das Wild in seinem Revier genau beobachtet. Denn treibt sich eine tragende Ricke ständig in einem bestimmten Feldschlag herum und wird dann plötzlich mit eingefallenen Flanken aber prallem Gesäuge gesichtet, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass irgendwo in dieser Wiese ihre Kitze verborgen liegen. Dann heißt es mit dem Landwirt sprechen und kurz vor der Mahd das Feld gründlich absuchen. Engagierte Jäger suchen mit ihren Jagdhunden vor dem Mähen nach Jungtieren und bringen sie in Sicherheit. Allein schon durch die richtige Mähtechnik kann der Landwirt viel zum Überleben der Tiere beitragen. Die Wiese sollte unbedingt von innen nach außen gemäht werden, damit die Tiere eine Fluchtmöglichkeit haben. Große Schläge sollten rundherum angemäht werden, um das Wild zu beunruhigen.
Text: DJV/ThE
Bild oben: Siegel/DJV
Bild unten: Thomas/DJV