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04. 05. 2008

Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz


Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz
Mindestens jeder zweite Deutsche hat irgendwann in seinem Leben mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Am häufigsten betroffen sind Frauen – jede Fünfte leidet sogar unter dauerhaften Beschwerden. Bei den Männern werden 15 Prozent von chronischen Schmerzen geplagt.

Zunehmendes Alter, mangelnde Bewegung und Übergewicht werden als mögliche Ursachen angesehen. Besonders alarmierend sind die Zahlen bei Kindern und Jugendlichen: Knapp 70 Prozent der 10- bis 16-Jährigen haben regelmäßig Rückenprobleme. Diese nackten Fakten sind erschreckend – das seelische Leid und die Beeinträchtigung der Lebensqualität können sie jedoch nicht ausdrücken. Umso wichtiger ist es für Betroffene, eine individuelle Behandlung zu finden, die den Schmerzkreislauf frühzeitig unterbricht.

Welche Möglichkeiten moderne Behandlungsmethoden bieten, erfuhren die Anrufer beim N.N.-Expertentelefon. Vier ausgewiesene Spezialisten antworteten auf alle Fragen zu chronischen Rückenschmerzen:

Dr. med. Klaus Strick, Facharzt für Anästhesie und spezielle Schmerztherapie.
Ärztlicher Leiter des Schmerz-Zentrum Köln am St. Agatha-Krankenhaus.
Schwerpunkt: Schmerzhafte Störungen im Bewegungssystem.

Selcuk Bas, Arzt am SZ Schmerz-Zentrum Berlin. Schwerpunkt: Chronische Rückenschmerzen und Migräne, Schmerzpumpen-Therapie, Mipas-Training.

Dr. med. Stefan Kammermayer, Facharzt für Anästhesie, Schmerztherapeut.
Schmerzpraxis am Krankenhaus Barmherzige Brüder (KBB) München.
Schwerpunkt: Schmerzdiagnostik, spezielle Schmerztherapie.

Dr. med. Reiner Willms, Facharzt für Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie.
Kooperationsarzt im Ärztehaus am Europacenter, Berlin.
Schwerpunkt: Physiotherapie, Prävention, Mesotherapie.


Nackenverspannungen, Kreuzschmerzen, Hexenschuss – das kennt fast jeder. In etwa 90 Prozent der Fälle klingen die Symptome, die auf eine fehlerhafte Beanspruchung von Muskeln, Sehnen und Gelenken hinweisen, nach wenigen Wochen von selbst wieder ab. Halten die Beschwerden jedoch über Monate an, kommt es zu einer Veränderung der Nervenzellen im Rückenmark. Sie reagieren plötzlich empfindlicher auf Reize und signalisieren dem Gehirn auch bei schwächeren Impulsen einen Schmerz – ein Schmerzgedächtnis entsteht. „Damit verliert der Schmerz seine Warnfunktion und wird selbst zu einer eigenständigen Krankheit“, erklärt der Berliner Arzt Selcuk Bas den Teufelskreis.

NSAR: Nebenwirkungen nicht unterschätzen
Um die Schmerzen zu lindern und ihren Alltag bewältigen zu können, greifen die meisten Patienten in ihrer Verzweiflung zu Schmerztabletten. So genannte NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) wie Ibuprofen oder Diclofenac zeigen schnell Wirkung. Zu einer dauerhaften Behandlung taugen sie allerdings nicht. Denn Experten warnen davor, die mit diesen Präparaten einhergehenden Nebenwirkungen zu unterschätzen. Nicht nur, dass der Magen stark geschädigt werden kann, auch die Infarktgefahr kann steigen. Selcuk Bas: „Anhand so genannter Meta-Analysen konnte man feststellen, dass der Dauergebrauch von hohen Dosen der NSAR das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen kann.“

„Muskelentspanner“ gegen das Schmerzgedächtnis
Um die Schmerzspirale effektiv zu durchbrechen, empfehlen Spezialisten immer häufiger moderne Medikamente mit einer zusätzlichen muskelentspannenden Wirkung. „Diese muskelentspannenden Medikamente sind weniger schädlich für den Magen als herkömmliche Schmerztabletten“, erklärt der Münchner Schmerztherapeut Dr. Stefan Kammermayer. Die innovativen Präparate zeigen auch in der Langzeittherapie eine gute Verträglichkeit und werden von ärztlichen Fachgesellschaften zur Behandlung empfohlen. Retardtabletten mit dem Wirkstoff Flupirtin wie beispielsweise Trancolong lindern den Schmerz für 24 Stunden, lösen Verspannungen und beruhigen überempfindlich gewordene Nervenzellen. Da sich der Schmerz nicht mehr festsetzen kann, wird das Schmerzgedächtnis quasi gelöscht und damit eine Chronifizierung verhindert.

Ohne Bewegung geht es nicht
Letztlich reichen jedoch auch die modernen „Muskelentspanner“ allein nicht aus, um chronische Rückenschmerzen dauerhaft zu behandeln. Da ein Großteil der Beschwerden auch auf zu wenig oder falsche Bewegung zurückgeführt wird, ist ein ganzheitliches Behandlungskonzept gefragt, welches das korrekte Zusammenspiel der Muskeln trainiert. „Hier sind alle Sportarten empfehlenswert, die eine gleichmäßige Belastung der Muskulatur darstellen, den Rumpf kräftigen und nicht mit häufigen Last- und Richtungswechseln verbunden sind“, weiß Dr. Reiner Willms und empfiehlt Rücken-, Kraulschwimmen und Joggen. Von Tennis oder Squash rät der Berliner Orthopäde ebenso ab wie von Brustschwimmen, weil dabei häufig eine Fehlhaltung eingenommen werde. Um den Schmerz in den Griff zu bekommen, können zudem auch Entspannungsübungen, Yoga und Meditationen hilfreich sein. Sie wirken auf psychischer Ebene und stärken das innere Gleichgewicht der Patienten. Schließlich ist die Tatsache, dass unglückliche Menschen deutlich häufiger an Rückenschmerzen leiden, sogar wissenschaftlich belegbar.

Auf hohe Absätze verzichten
Für den Behandlungserfolg entscheidend sind auch die Arbeits- und Schlafbedingungen der Betroffenen. Zu alte, zu weiche oder zu harte Matratzen lassen dem Rücken in der Schlafphase keine Zeit zur Erholung. Falsch gestaltete Arbeitsplätze tun ein Übriges. „Eine passende Matratze, ein formstabiles Kopfkissen, ein guter Bürostuhl mit neigbarer Sitzfläche und der richtige Schulter-Ellenbogen-Winkel am Schreibtisch helfen dem Rücken enorm“, ist Dr. Strick überzeugt. Frauen können ihren Rücken mit dem Verzicht auf hohe Schuhe zusätzlich entlasten. „Generell sollte man beim Schuhkauf auf niedrige Absätze, gute Fußbettung und eine vollelastische Sohle mit Federungskeil im Absatz achten“, rät der Kölner Schmerzspezialist. Die Schuhe dürften nicht eng sein und sollten die Abrollbewegung des Fußes unterstützen.

Text: djd/pt
Bild: djd/Trancolong


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