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04. 05. 2008
Wie lebendig sind unsere Sprachen?
Wie lebendig sind unsere Sprachen? Tote Sprachen sind Latein und Griechisch, die anderen sind lebendige Sprachen. Wenn es doch so einfach wäre!
Ein Rest an Leben erhielt sich im Lateinischen, solange es Sprache der Gelehrten und der Wissenschaft war. Kant schrieb seine Dissertation noch auf Lateinisch. Erst als es nicht mehr gebraucht wurde, als die Schüler Käsar und Kikero sagen mussten, war es wirklich tot. Dafür wurde es zum „Bildungs-Gut“ befördert, zum Zwecke der „Allgemein-Bildung“. Beides Dinge, von denen keiner zu sagen weiß, was das ist. Aber die „lebenden“ Sprachen, wie lebendig sind die?
Leben, das heißt doch Gezeugtwerden, Geborenwerden, Wachstum, Anpassung, Stoffwechsel, Evolution, Fortpflanzung, Sterben. Zugegeben, bei der Sprache kann man diese Prozesse nicht so deutlich unterscheiden wie bei Regenwürmern und Rhesusaffen. Sie sind wohl mehr oder weniger als ein einziger Prozess zu sehen. Aber aufweisen kann man sie alle.Ob Sprachen in dem strengen Sinne wachsen, indem sie größer werden, ist schwer zu sagen, abgesehen davon, dass die Zahl ihrer Sprecher steigen oder sinken kann. Sprachen nehmen fortwährend Wörter aus anderen Sprachen auf, verlieren auch regelmäßig welche. Insofern ist also eher an Stoffwechsel zu denken. Aber es kommt auch vor, dass bäuerliche Sprach-Gemeinschaften eine wissenschaftlich-technische Lebensweise annehmen. Ihre Sprache erobert sich dann gleichsam die neuen Sachgebiete, in der Regel allerdings durch Übernahme von Wörtern aus der Hochsprache oder aus Fachsprachen. Wobei allerdings die mundartliche Färbung der neu angenommen Sprache lange erhalten bleibt. Ob Sprachen an künstlerisch-poetischer Kraft wachsen oder schrumpfen, ist kaum auszumachen. Sicher, wir kennen aus germanischer Zeit nichts, was dem Nibelungen-Lied oder der Luther-Bibel ebenbürtig ist. Aber wissen wir, was verloren gegangen ist? Dichtung und Poesie sind ja nicht auf Druckerschwärze angewiesen, wir philologisch Deformierten vergessen das oft.Dass Sprachen sich im Laufe der Zeit verändern, ist allgemein bekannt. Luthers Deutsch ist uns fremd, das mittelalterliche Deutsch fast eine Fremdsprache. Gleichwohl tun große Teile der Lebenden so, als sei das derzeitige Deutsch ein Endzustand. Jede Abweichung von überkommenen Regeln wird gnadenlos getadelt. Verstöße gegen die Grammatik sind geradezu verpönt und gelten vielfach als Intelligenz-Mangel. Fremdwörter und stilistische Neuerungen werden nur nach geziemendem Widerstand geduldet. Lehrern mag man diesen Konservatismus nachsehen. Denn von Schulabgängern erwarten die meisten Menschen, dass sie sprechen und schreiben, was als korrekt gilt. Aber was ist mit Schriftstellern, Dichtern, Redakteuren, Lektoren, Publizisten aller Art? Man darf annehmen, dass diese sich in besonderer Weise für Sprache verantwortlich fühlen, sie sollten es jedenfalls. Heißt das aber, dass sie jede Neuerung tadeln müssen? Sind sie berufen, ja sind sie überhaupt befugt, die Sprache in genau dem Zustand zu erhalten, in dem sie sie vorgefunden haben? Das würde bedeuten, dass es ab sofort keine Entwicklung der Sprachen mehr gäbe, jedenfalls keine der Hochsprachen, und dass die gegenwärtigen Sprachen in ihrem jetzigen Zustand für die Ewigkeit konserviert werden müssten. Kann das der Sinn verantwortlicher Sprachpflege sein? Oder sollten die Verantwortlichen eher bemüht sein, die Sprache in einem Zustand ständiger Veränderung zu halten, wie es in der Geschichte immer der Fall war? – Zugegeben, das ist nicht leicht. Bisher fehlt jedes Nachdenken darüber, wie die Lebendigkeit einer Sprache zu erhalten ist. Pedantischen Lehrern und Korrektoren mag man diesen Mangel nachsehen. Aber den anderen Schreibenden auch? Und denen, die einen kreativen Umgang mit der Sprache pflegen sollten, den Schreibern alle Art?Gipfel des Konservatismus ist die Zementierung der sogenannten Rechtschreibung. Wieso eigentlich Rechtschreibung? Was ist daran richtig? Vermutlich stammte der Wortbestandteil Recht in dieser Zusammensetzung von richtig. Der Umgang mit der Rechtschreibung lässt eher vermuten, dass er vom geschriebenen Recht stammt, zu dem auch das Strafrecht gehört. Korrekt wäre die Bezeichnung Orthographie-Orthodoxie. Umständlich, zugegeben, aber lehrreich. Denn jede Orthodoxie ist die Konservierung einer unbeweisbaren Lehre. Was die Orthodoxen im allgemeinen bereitwillig zugeben, die Orthographen praktisch nie.Ist es in irgend einer Weise plausibel, dass der F-Laut auf 6 verschiedene Weise geschrieben werden muss? F, FF, PH, V, Pf, W (in Wörtern aus dem Slavischen), dass es dagegen für den Laut B nur eine Schreibweise geben darf? Dass es für andere Laute (SCH, CH, stimmhaftes CH) keine Laute geben darf? (Verzeihung, korrekt heisst es Phonem, nicht Laut, aber ich schreibe nicht für Sprachwissenchaftler.)Für die gegenwärtige Rechtschreibung erforderliche allgemeine Regeln müssten also lauten: 1. Ein Laut soll mal mit einem Buchstaben (B) geschrieben werden, mal mit 2 Buchstaben (CH), mal mit 3 Buchstaben (SCH). 2. Ein Laut soll mal mit dem gleichen Buchstaben geschrieben werden (B), mal mit unterschiedlichen Buchstaben (F, FF, V, PH, PF, W).3. Ein Buchstabe soll mal einen Laut darstellen (B), mal mehrere (Z, X).Kein Anspruch auf Vollständigkeit! – Der Gebrauch des ethischen Imperativs Sollen ist durchaus angemessen, denn jede Abweichung wird gnadenlos getadelt. Insbesondere auch von Menschen, die die sogenannte Rechtschreibung gar nicht beherrschen. Es ist ja so einfach, einen diktierten Text mit seiner Vorlage zu vergleichen! Das kann schließlich jeder Dummkopf, vor allem, wenn die Vorschriften nur eine Version zulassen. Und mancher Intelligente muss sich danach beurteilen lassen! Dass einer Firma bei der Personal-Suche dadurch ein guter Kopf entgeht, mag man ihr wünschen. Aber nicht dem Bewerber eine unbegründete Ablehnung.Aber was sollten diejenigen tun, die für das Leben der Sprache verantwortlich sind? Literaten, Dichter, Lehrer, Wissenschaftler aller Art? Dass sie im Alleingang eine hastige Weiterentwicklung der Sprache betreiben, wird man ihnen nicht zumuten wollen. Aber einen öffentlichen Diskurs über Sprache, ihre Lebendigkeit und Schreibweise sollten sie beginnen, nicht überstürzt, aber nachhaltig. Wer wenn nicht die öffentlich Sprechenden und Publizierenden soll sonst für die Sprache und ihr Leben verantwortlich sein? Sprachliche Neuerungen sollten von der Öffentlichkeit begrüßt werden. Es muss ja nicht immer Jubel sein.
Text: Wilfried Meyer
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