09. 08. 2008
Fliegenfänger
Jens Lehmann ist Geschichte. Der durchaus umstrittene Torhüter erklärte seinen Rücktritt aus der Nationalelf und vermied damit wenigstens, was anderen Sportler nicht gelang - die VÖLLIGE Demontage.
Jahrelang stand er, zu Recht, im Schatten von Oliver Kahn. Schwache, nein schwächste Gegner und wenig Schüße auf das Tor, solche Möglichkeiten in der Nationalelf wünscht sich jeder Kreisliga Torwart. Ob Lehmann nun auf der Insel ein, zwei oder sogar 20 "unhaltbare" hielt, ist irrelevant, betrachtet man seine Leistung in der Nationalelf. Jeder Schuss ein Treffer, könnte man sagen, denn es fällt schwer wirklich herausragende Aktionen von Lehmann zu finden.
Ob in der Premier League, der Nationalelf oder...ach Moment, gespielt hat er ja kaum noch.
Nach dem WM Halbfinal aus hätte Fußballdeutschland und Löw einen Schlussstrich ziehen müssen. Zu einer Abwehr in Emmentalerart gehört eben auch immer ein Schlussmann, der nicht dirigiert, der nicht ordnet, nicht kontrolliert, der seinen letzten Schutz vor sich hin werkeln lässt. Sicher, ein Kahn, der Mitspielern an die Gurgel geht ist kein gewöhnlicher Anblick aber es gibt im Fußball keine A und B Note sondern das Ergebnis zählt.
Kahn hatte 2006 seine beste Zeit eventuell hinter sich, doch wann war Lehmanns beste Zeit und war er zu dieser Zeit besser als Kahn? Ein "Tier" im Tor, keinen Dackel der ausser den leisen Tönen und dem Networking wenig beherrscht, braucht eine deutsche Elf im Kasten. Doch wie kam Lehmann da überhaupt rein? Nein, natürlich war es nicht die freundschaftliche Verbundenheit zu Bierhoff, identische Berater waren auch kein Grund und selbst unser aller Klinsmann hat völlig objektiv entschieden.
Lehmann, der praktisch keine Selbstkritik übt, schaltete und waltete als würde er selber über die Nummer eins im Tor entscheiden und nicht die reine, pure und absolute Leistung.
Doch, sucht man nach Schuld, liegt die vor allem bei denen die sich nicht zu Wort meldeten. Gutmenschlerei, wirtschaftliche Interessen oder private Gründe - noch nie gab es einen Torhüter in schwarz/weiss, der so wenig Spielpraxis hatte wie Jens Lehmann.
Da muss man natürlich auch hinterfragen, wer denn der Torwarttrainer der Nationalelf ist, Andreas Köppke. Seines Zeichens praktisch unangefochtener Abstiegsweltmeister. Im Jahr 2004, nach Tätigkeit für die Vermarktungsgesellschaft seines letzten Vereins (böse Zungen sprechen auch von einem Gnadenbrotjob), brauchte es nur die erfolgreichen Demontage von Sepp Maier um Köppke als Torwarttrainer der Nationalmannschaft zu installieren. Eine relativ blasse, von Verletzungspech geplagte Persönlichkeit. Ein Schelm, wer hier behauptet Köppke sei leicht zu beeinflussen und nur eine Marionette.
Alle Torhüter wurden im Rahmen der völlig unnötigen Torwartdiskussion für nicht oder noch nicht tauglich befunden. Klar, dass dann nur Lehmann übrig blieb. Kahn? Nein, der konnte nicht bleiben, dies hätte der neue Star Klinsmann nicht verkraftet.
Hildebrandt, Neuer, Adler und Rensing, vier riesen Talente standen parat doch wer steht im deutschen Tor? Man mag argumentieren, dass ein dritter Platz doch beachtlich sei und der Vize-Europameistertitel ein Erfolg, natürlich, wenn man Costa Rica, Ecuador und Österreich als große und erfolgreiche Fußballnationen bezeichnet. Man hat mittlerweile den Eindruck, dass in der Nationalmannschaft fast alle Spieler, nicht nur die Torhüter nach Gutsherrenmanier und nach persönlicher Symphatie gesetzte werden, oder eben - wirtschaftlichen Interessen.
Lehmann stand allerding nicht allein hilflos auf dem Platz. Frings, Schneider, Mertesacker, Metzelder, und auch Ballack leisteten ihm gute Gesellschaft. Überhaupt ist wohl Ballack noch vor Lehmann der überschaätzteste Spieler aller Zeiten, doch dies ist ein anderes Thema.
Hätte man nach dem missglückten Sommermärchen mit Siegen gegen die B und C Nationalmannschaften dieser Welt wenigstens bei der EM einen Neuanfang gewagt und konsequent auf die Jungen Wilden gesetzt, hätte man tatsächlich gesehen was debil grinsende Moderatoren seit Völlers Ansage sehen wollen: Agressiven Angriffsfußball statt taktischem, von Ballverlusten geprägten Geplänkel.
Eines jedoch werden wir in Zukunft nicht mehr sehen, einen Torwart, den weder Stürmer (Confed Cup 2005 vs Brasilien), noch eigene Verteidiger (Halbfinale WM 2006) für voll nehmen.
Tschüss Jens Lehmann!