Die IQ-Talfahrt „Denk ich an Deutschland in der Nacht,/ Dann bin ich um den Schlaf gebracht,/ Ich kann nicht mehr die Augen schließen,/ Und meine heißen Tränen fließen.“
Heine wurde viel zitiert, als die erste PISA-Studie veröffentlicht wurde. Aktuell macht Thilo Sarrazin Schlagzeilen mit seinen Aussagen. Doch verdummen wirklich unsere Kinder? Oder sind sie nur lernunwillig? Wenn man die alarmierenden Rufe der Wissenschaftler hört, war und ist PISA nur die Spitze des Eisbergs. Es wurde Zeit, dass die Problematik offen, und ohne die in Deutschland üblichen Vorbehalte, geführt wird. Der durchschnittliche Intelligenzquotient, in den hoch entwickelten Industrieländern, sinkt deutlich. Hirnforscher, Genetiker und Psychologen sind dem IQ-Verfall auf der Spur.
Wissenschaftler schlagen Alarm: Bis in die 90er Jahre proklamierten Studien einen ständig steigenden Durchschnitts-IQ in den westlichen Industrieländern. Seit einigen Jahren machen Wissenschaftler allerdings einen gegenläufigen Trend aus. Der IQ sinkt und zwar deutlich. Die Ergebnisse der PISA-Studie wurden auch in Deutschland als Warnsignal interpretiert. Seit 1999 beobachtet Thomas Teasdale, Psychologe an der Universität Kopenhagen, den Rückgang der messbaren Intelligenz in Dänemark. Diese Ergebnisse haben eine scheinbare Gesetzmäßigkeit durchbrochen, den so genannten „Flynn-Effekt“. Der Namensgeber, James Flynn, ein neuseeländischer Forscher, stellte bei Vergleichsuntersuchungen von Intelligenztests in hoch industrialisierten westlichen Ländern einen kontinuierlichen Anstieg des IQs um ca. 3 Prozent in einem Jahrzehnt fest. In Deutschland steigerte sich der durchschnittliche IQ zwischen 1954 bis 1981 um ganze 17 Punkte. Umso überraschender waren die schlechten Nachrichten aus Dänemark. Eine Vergleichsstudie an deutschen, österreichischen und Schweizer Kindern hat diesen Trend bestätigt. Zieht man außerdem die Ergebnisse der PISA-Studien hinzu, wird die Aufregung der Forscher nachvollziehbar. Für Deutschland sind es erschütternde Ergebnisse: Der gemessene Durchschnitts-IQ der Schüler ging in den letzten zwei Jahren um drei Punkte zurück. Intelligenzforscher, Genetiker, Lernpsychologen und Hirnforscher versuchen diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Woran liegt dieser enorme Rückgang? Vor allem stellt sich zuerst die Frage, was mit diesen länderübergreifenden Studien tatsächlich gemessen wurde: Fähigkeiten, Lernwissen oder die Fähigkeit mit Wissen umzugehen?
Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst
Eine konkrete Definition von Intelligenz gibt es nicht. Wissenschaftler sagen: „Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst.“ Konkret nachgefragt, handelt es sich um die Einschätzung der Fähigkeiten, mit Abstraktionen umzugehen, Probleme zu lösen, Wissen zu erwerben und anzuwenden, vernünftig zu denken und sich sinnvoll mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Sicher ist die Fähigkeit, Wissen aufzunehmen und es im richtigen Moment wiederzugeben ein wichtiger Bestandteil bei der Intelligenzbewertung, aber ohne logisches Denken und andere, „nichtintellektuelle“ Komponenten wird nur ein Teil der individuellen Fähigkeiten untersucht. Charakter, Wissensdurst, das Interesse an Kultur sind genauso wichtige Faktoren wie emotionale Stabilität, Selbstvertrauen und die Fähigkeit emotionale Signale zu erkennen. Diese nichtintellektuellen Fähigkeiten werden auch als „EQ“ (Emotionaler Quotient) zusammengefasst. Man spricht auch von den „soft skills“ im Gegensatz zu den rein fachlichen Fähigkeiten.
Fluide und kristalline Intelligenz
Die Intelligenzforschung kennt viele Formen von Intelligenz. Das Gedächtnis lässt sich aufteilen in Langzeit-, Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis, in ein visuell-räumliches, ein motorisches, ein verbales, ein sensorisches, ein episodisches und ein semantisches Gedächtnis. Zusammengefasst werden diese unterschiedlichen Gedächtnisstrukturen in zwei Kategorien von Intelligenz, die bei jedem Menschen individuell ausgeprägt sind. Die fluide Intelligenz ist oft im Alltag gefragt. Sie umfasst das Abstraktionsvermögen, schlussfolgerndes Denken, Begriffsbildung und die Informationsverarbeitung. Hierzu gehören das Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis. Zur kristallinen Intelligenz gehören Sprachgewandtheit, schulische Lerninhalte sowie allgemeines Fakten- und Erfahrungswissen.
Die in der kristallinen Intelligenz verankerten Fähigkeiten entsprechen dem Langzeitgedächtnis und dem Wissen ums „Ich“ und „Andere“ Der Großteil der Forscher geht davon aus, dass die fluide Intelligenz angeboren ist und sich durch Motivation und Konzentration steigern lässt. Während die fluide Intelligenz mit der Zeit abnimmt, bleibt die kristalline Intelligenz bis ins hohe Alter erhalten und kann sich teilweise sogar noch steigern. Solange die Wissenschaftler die Ursachen für den Alterungsprozess nicht verstanden haben, sind dessen Auswirkungen auf die geistige Leistungsfähigkeit Mutmaßungen. Gesichert scheint ein Zusammenhang zwischen sensorischer Leistung und Lernfähigkeit im Alter zu sein. Je schlechter man hört beziehungsweise sieht und auch der Gleichgewichtssinn gestört ist, umso mehr ist die Gedächtnisleistung beeinträchtigt.
Die Wissenschaftler um den Berliner Altersforscher Paul Baltes ziehen die Schlussfolgerung, dass durch diese Beeinträchtigungen ein Großteil der intellektuellen Kapazitäten in die Regulierung und Koordination sensorischer Prozesse investiert werden müssen. Diese stehen dann nicht mehr für das Dazulernen im Alltag zur Verfügung. Dafür haben ältere Menschen einen klaren Vorteil, wenn es um die Problemlösung im Bereich der sozialen Interaktion geht. Die Weisheit des Alters ist empirisch, im Sinne von Leistungsfähigkeit, kaum messbar. Dieses sehr individuelle und durch das kulturelle Umfeld geprägte Wissen ist nicht einfach in Denksportaufgaben mit Multiple-Choice Antworten zu kategorisieren.
Ausschlaggebend für den IQ: Gene oder Umwelt?
Alle Menschen sind gleich und haben dieselben Ausgangschancen für ihre persönliche Entwicklung, nur der persönliche Einsatz zählt. Was der Kommunismus lange vergeblich mit einem vereinheitlichenden System umzusetzen versucht hat, ist längst widerlegt. Unsere Gene haben einen Anteil von mindestens 75 Prozent an der Entwicklung der Intelligenz. Die restlichen 25 Prozent werden durch Umweltfaktoren bestimmt. Besonders wichtig ist, dass ein Kind in frühen Entwicklungsphasen gefördert wird. Intelligente Kinder haben selbst mehr Spaß am Lernen, an Sprache und an Aufgaben die ihre Intelligenz fordern, wie etwa Puzzles. Verbal begabte Kinder werden z. B. früher von sich aus ihre Eltern auffordern, ihnen vorzulesen. Fällt diese Förderung durch das Umfeld weg, tritt Frustration durch den Vergleich mit anderen ein. Die Folge ist, dass das Lernen keinen Spaß mehr macht und der Unterschied der Gene deutlicher zum Tragen kommt, als er müsste. Eine reine Frühförderung reicht allerdings nicht aus, denn sobald die Förderung reduziert wird, geht auch die IQ-Entwicklung wieder zurück. Die wichtigste Aufgabe des Umfelds ist es, das Kind nicht nur zu fördern, sondern ihm auch beizubringen, sich selbst geistig zu fordern, wenn es auf sich allein gestellt ist.
Einer für alle: Der Intelligenztest
Eine wichtige Frage stellen sich alle Intelligenzforscher: Kann man Intelligenz kontextunabhängig und standardisiert messen? Der deutsche Mensa e.V. relativiert dies: Ein Intelligenztest kann immer nur bestimmte Fähigkeiten messen, wie z. B. logisches Denken und räumliches Vorstellungsvermögen. Mit dem Intelligenztest verhält es sich ähnlich wie mit Churchills Ansicht zur Demokratie: Es ist die beste aller schlechten möglichen Varianten.
Misst PISA Intelligenz?
Bedingt. Was die PISA-Studie tatsächlich gemessen hat, ist ein Konglomerat der Auswirkungen von Veränderungen in der soziokulturellen Gesellschaftsstruktur, der Fähigkeit des aktuellen Bildungssystems Wissen sowie dessen Anwendung zu vermitteln und der tatsächlichen Intelligenz der Schüler. Die PISA-Studien werden mit Intelligenztests verglichen, weil sie nicht nur ein Mindestmaß an erlerntem Wissen, z.B. Lesefähigkeit und Mathematisches Grundwissen abfragen, sondern die Fähigkeit, dieses gelernte Grundwissen und die in den Aufgaben gelieferten Informationen praktisch anzuwenden. Grundlegende Zielsetzung der PISA-Studien war, den beteiligten Staaten ein Hilfsmittel zu geben, die Leistungsfähigkeit des eigenen Bildungssystems zu überprüfen. Die Ergebnisse sollten aufzeigen, ob das Schulsystem in der Lage ist, den Schülern die wesentlichen Bildungspfeiler zu vermitteln.
Die OECD hat im Mai 2005 eine klärende Stellungnahme zur Interpretation der Ergebnisse der PISA-Studien veröffentlicht: „…Darüber hinaus liefern die Zusammenhänge zwischen dem sozialen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler und ihrer Leistung eine Grundlage für eine Beurteilung der Verteilung von Bildungschancen. In sämtlichen Ländern erzielen Schülerinnen und Schüler, die aus einem privilegierteren sozialen Milieu stammen, in der Regel bessere Bildungsergebnisse als Schüler aus einem ungünstigeren sozialen Umfeld. Zwischen den Ländern bestehen jedoch erhebliche Unterschiede in Bezug auf die Stärke des Einflusses von sozialen Kontextfaktoren auf die Leistungsverteilung. Insbesondere zeigt die PISA-Studie, das es einigen Ländern gelingt, sehr gute Durchschnittsergebnisse (ein Indikator für hohe Qualität), mit einem relativ schwachen Zusammenhang und den Schülerleistungen (ein Indikator für eine ausgewogene Verteilung von Bildungschancen) zu vereinbaren. Die Ergebnisse von PISA 2000 wie auch von PISA 2003 machen deutlich, dass in Ländern mit gegliederten Schulsystemen, in denen bereits in frühem Alter eine Aufteilung auf verschiedene Schultypen erfolgt, generell ein relativ starker Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund und der Leistung der Schülerinnen und Schüler besteht. Sozial benachteiligte Schüler werden dort mit größerer Wahrscheinlichkeit auch auf Schulen mit geringerem Ansehen verwiesen, in denen der Lehrplan weniger anspruchsvoll ist und somit geringere Lernerwartungen an sie gestellt werden, was dazu führt, dass sie ihr Leistungspotenzial möglicherweise nicht ausschöpfen. So gesehen tendieren die Schulen in diesen Bildungssystemen dazu, die bestehende Sozialordnung zu reproduzieren, und das Leistungspotential der Schüler und Schülerinnen oft nicht optimal zu nutzen.“
Interpretiert man die Ergebnisse unter diesem Gesichtspunkt, liegt der Schluss nahe, dass das deutsche Bildungssystem im Pflichtschulbereich nicht in der Lage ist, schwache Schüler ausreichend, bzw. gute Schüler so zu fördern, dass sie Spitzenleistungen erbringen. Lernforscher berücksichtigen mehrere Faktoren bei der Beurteilung von Lernfähigkeit und Intelligenz. Das Zusammenspiel der soziokulturellen Herkunft, der kognitiven Grundfähigkeiten und der erbrachten Schulleistungen ist verantwortlich für die Chancen des Kindes im schulischen Selektionsprozess. Wissenschaftler nennen diesen Effekt die „multiple Determiniertheit“ der erbrachten Leistungen. Lernforscher sehen auch ganz klar das schulische Umfeld in der Verantwortung. Einen Schritt weiter geht die Schulwirksamkeitsforschung, sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen von mangelnder Effektivität und Chancenungleichheit. Dabei wird die Schule als Organisationseinheit ebenso berücksichtigt, wie die Unterrichtsbedingungen in der Klasse, der einzelne Schüler und die Rahmenbedingungen die durch das jeweilige Bildungs- system vorgegeben werden. Nicht berücksichtigt wurden bei den PISA-Studien die jeweils unterschiedlichen Rahmenbedingungen, wie z. B. der Lärmpegel, dem die Schüler während der Tests augesetzt waren. In die Auswertung floss auch nicht ein, ob die Schüler auf die Testsituation von ihren Lehrern vorbereitet wurden und die Tests in Ruhe ausfüllen konnten, oder ob dies unter Zeitdruck und in einem störenden Umfeld erfolgte. Diese Faktoren können vergleichsweise bei einem Intelligenztest zusammen mit der individuellen Tagesverfassung eine Schwankung von bis zu 5 IQ-Punkten bewirken. Trotzdem müssen die Ergebnisse als Warnsignal angesehen werden.
Der Deutschland-Faktor
Die überwiegende Zahl der Intelligenzforscher geht von der Vererbung von Intelligenz aus. Der Spielraum bei der Entwicklung der vererbten Intelligenz beträgt bis zu 20 IQ-Punkte; nach oben, aber auch nach unten. Unter diesem Aspekt sehen die Wissenschaftler einen Zusammenhang zu dem sinkenden Durchschnitts-IQ in Deutschland. Der Humangenetiker und Bevölkerungswissenschaftler Volkmar Weiss beschreibt in seinem Buch „Die IQ-Falle“ unter anderem, wie dieser Effekt in Deutschland zustande kam. Auf Basis von nationalen und internationalen Langzeitstudien macht Weiss die Sozial- und Familienpolitik mitverantwortlich. Frauen mit einer höheren und überdurchschnittlichen Intelligenz bringen sich vermehrt im Berufsleben ein und verzichten dafür auf Kinder. Im Gegensatz dazu nimmt die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Familie in den so genannten unteren Schichten und in der einkommensschwächeren Bevölkerung zu.
Dass diese Zahl in den letzten zwei Jahrzehnten gestiegen ist, liegt auch an der Einwanderungspolitik Deutschlands. Im Gegensatz zu Ländern wie den U.S.A. oder Australien wird in Deutschland von Einwanderern kein Nachweis von Fähigkeiten oder die Kenntnis der Landesprache gefordert. So ist es zu erklären, dass es Einwanderer mit einem Durchschnitts-IQ von 81 gibt, die teilweise als Analphabeten, auch nach 20 Jahren noch kein Deutsch sprechen können. Selbst begabte Kinder wachsen so oft in einem Umfeld auf, das die Entwicklung ihrer Intelligenz nicht optimal fördern kann. Das Kind hat also ohne konkrete Lernförderung von außen wenige Möglichkeiten, sein Potential auszuschöpfen. Laut Angaben der UNESCO verlassen jährlich 80.000 Schüler in Deutschland die Schule ohne Abschluss. Die meisten von ihnen haben Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Damit fehlt ihnen die Grundlage für eine aktive Teilnahme am sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben. Wie eine aktuelle Studie des Pariser Statistikamts INSEE zeigt, ist die hohe Zahl der Analphabeten in einem westlichen Industriestaat kein Einzelfall. In Frankreich sind neun Prozent der Bevölkerung mit abgeschlossener Schulausbildung Analphabeten. Die Betroffenen stellen 35 Prozent der Mindestlohnempfänger. In Deutschland wird die Zahl der Analphabeten auf fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung geschätzt. Der überwiegende Anteil davon sind „funktionelle“ oder „sekundäre“ Analphabeten. Im Gegensatz zu den „primären“ Analphabeten, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben, haben die sekundären Analphabeten ihre Lesefähigkeit aufgrund mangelnder Übung verloren. Laut den Schätzungen der UNESCO gibt es in Deutschland mindestens vier Millionen Menschen, die trotz des Schulbesuchs nicht in der Lage sind, einfache Hinweisschilder zu lesen oder einen Zeitungsartikel zu verstehen. An dieser Stelle müsste die Bildungspolitik ansetzen.
Die gezielte Förderung von Begabten und kontinuierliche Förderung von weniger Begabten sollte auch in Deutschland zu einer langfristig markanten Anhebung des Durchschnitts-IQs führen. Allerdings müssten dazu die Berührungsängste mit dem Thema der Elitenbildung abgebaut werden. Die aktuelle Political Correctness negiert weitgehend diese genetischen und sozialen Unterschiede, anstatt sie als Anhaltspunkt für Verbesserungen des Systems zu nutzen. Stattdessen wird der Status Quo weiter ausgebaut und die Schere geht immer weiter auseinander: Reiche bekommen Bildung nach Wunsch, Arme haben ohne Unterstützung durch Dritte kaum Chancen. Darüber hinaus müssten die Eltern wieder stärker in die Verantwortung einbezogen werden. Die Schule kann nicht alleine den Erziehungsauftrag erfüllen, das familiäre Umfeld hat hier eindeutig den stärksten Einfluss. Eltern und Familie sind in der Pflicht, das Kind an das Lernen heranzuführen und seine Begabungen zu fördern. Ein offener, aber vor allem kontinuierlicher Dialog zwischen Erziehungsberechtigten und Schule ist eine wichtige Voraussetzung. Wie wichtig die Eltern in der Gestaltung des Lern-Umfelds sind, hat eine neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) gezeigt. Zuviel TV-Konsum verschlechtert die schulischen Leistungen. Die Ergebnisse der Untersuchungen an 10-15 Jährigen in ganz Deutschland haben auch eine mögliche Erklärung für die unterschiedlichen Ergebnisse der PISA-Studien der Schüler in den Bundesländern geliefert. Während beispielsweise in Dortmund mehr als die Hälfte der Kinder im eigenen Raum fernsieht, ist es in München der Untersuchung nach nur ein Fünftel. Der Süden Deutschlands hat nach diesen Erkenntnissen aufgrund des geringeren Fernsehkonsums besser abgeschnitten als der Norden. Kinder mit eigenem Fernseher oder Playstation sehen viel häufiger verbotene, nicht altersgerechte Sendungen oder Spiele mit hohem Gewaltanteil, was die Lernfähigkeit ebenfalls senkt.
Die Quintessenz der KFN-Studie lautet kurz gesagt: Ein Übermaß an Medienkonsum macht dick, dumm, krank und traurig. Besonders gefordert sind auch die Pädagogen für alle Schulstufen. Bereits die Ausbildung der Lehrer sollte ihnen das nötige Wissen und die Methoden an die Hand geben, wie begabte Kinder oder Kinder mit Lernstörungen erkannt und gezielt gefördert werden können. Ein Lehrer sollte in der Lage sein, einzuschätzen, welche Kinder im Klassenverband unterdurchschnittlich begabt sind und daher die restliche Klasse am Lernfortschritt behindern. Andererseits sollte begabteren Kindern nicht durch ein niedriges Klassenniveau die Lust am Lernen genommen werden. Dazu gehört auch, wie es bereits in einigen Ländern geplant ist, die fachlichen und pädagogischen Fähigkeiten der Lehrer gemeinsam mit Schülern und Eltern zu bewerten. Zu groß ist die Kluft zwischen sehr engagierten Lehrern, die ihre eigene Freizeit opfern um Schüler zu fördern und jenen, die, oft aus Frustration, nur ein „Standardprogramm“ durchziehen. Das Bildungssystem sollte dafür sorgen, dass es nicht dem Zufall überlassen wird, ob ein Kind von einem engagierten Lehrer unterrichtet wird.
Westliche Intelligenz im Sinkflug?
Die Umkehrung des Flynn-Effekts und der damit einhergehende Sinkflug der IQ-Werte in westlichen Industrienationen mögen verschiedene Ursachen haben. Abstrakte, unverständliche und komplexe Informationen müssen unter hohem Zeitdruck verarbeitet werden, die Anforderungen werden immer höher. Viele Menschen flüchten sich zur Entspannung in geistig relativ anspruchslose Freizeitbeschäftigungen: Sportfernsehen statt aktivem Sport oder die Berieselung durch reine Unterhaltungssendungen.
Das „Abschalten“ bei solchen passiven Freizeitbeschäftigungen trainiert das Gehirn nicht. Die deutlich gestiegene Zahl der Übergewichtigen in den industrialisierten Ländern ist ein weiteres Zeichen für den Sinkflug. „Mens sana in corpore sano“ - mangelnde Bewegung, falsche Ernährung und eine schlechte körperliche Verfassung wirken sich auch auf die geistige Fitness aus.
Muttermilch, Kaugummi und Nudeln machen uns klüger
Laut einer dänischen Studie sind Kinder, die in ihren ersten neun Lebensmonaten länger gestillt werden, klüger. Bezüglich der Ergebnisse waren sich die Forscher einig, auf eine eindeutige Ursache für diesen Zusammenhang konnten sich die Wissenschaftler aber nicht einigen. Der engere emotionale Kontakt zwischen Mutter und Kind beim Stillen soll der Entwicklung emotionaler Störungen vorbeugen und damit die Entwicklung der Intelligenz fördern. Gleichzeitig steht die Annahme im Raum, dass eher intelligentere Mütter stillen, also die genetische Prädisposition ausschlaggebend ist. Einige Forscher machen bestimmte langkettige ungesättigte Fettsäuren in der Muttermilch für die Entwicklung der kindlichen Intelligenz verantwortlich.
Auch für Erwachsene gibt es „Doping“ für die grauen Zellen. Siegfried Lehrl, Wissenschaftler an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie hat festgestellt, dass Kaugummikauen die geistige Leistungsfähigkeit steigern soll. Kaugummikauen erhöht die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn und damit die Durchblutung, also quasi die Indoor-Alternative zum gesunden Spazierengehen an der frischen Luft. Der „Kraftstoff“ fürs Gehirn spielt eine ebenso bedeutende Rolle. Was wir wann über den Tag verteilt essen, kann durchaus Einfluss auf unsere gei-stige Leistungsfähigkeit haben. Der aus Kohlehydraten umgesetzte Zucker ist ein wichtiger Energielieferant für die grauen Zellen, kontinuierlich über den Tag verteilt zugeführt, lässt sich eine deutliche Steigerung der Konzentration erzielen. Auch mit seiner Empfehlung, die Flüssigkeitszufuhr gleichmäßig über den Tag zu verteilen, spricht Lehrl vielen Ernährungsexperten aus der Seele. Viele kleine Mahlzeiten am Tag, Kohlehydrate morgens und tagsüber statt abends, die empfohlenen 1,5 Liter Wasser und etwas Bewegung im Freien tun nicht nur dem Körper sondern auch dem Gehirn gut.
Faulenzen macht dumm
Wer sich selbst chronisch unter Stress setzt wird laut Lehrl spätestens ab dem Alter von 40 Jahren geistig abbauen. In Entspannungsphasen hingegen sind wir besonders kreativ. Nicht umsonst sagt man, Relaxen „macht den Kopf frei“ für neue Ideen. Zuviel Ruhe ist aber auch nicht gut für das Gehirn. Der Intelligenzquotient nimmt messbar ab, wenn z. B. im Urlaub über mehrere Wochen nichts mehr getan wird. Auch das Gehirn braucht Training - und wenn es nur das tägliche Kreuzworträtsel ist.
Gehirnjogging – Was macht Sinn?
Regelmäßige Übungen helfen die Leistungsfähigkeit zu steigern und im Alter zu erhalten. Genauso wie beim Sport bringt beim Gehirntraining nicht jede beliebige Trainingsmethode Erfolg. Die geistige Aktivität bei der täglichen Arbeit reicht nicht aus, es sind meist Routine-Abläufe, die das Gehirn nicht richtig fordern. Namen, Daten und Zahlenkombinationen werden oft einfach nur registriert, sind aber schnell wieder vergessen. Es genügen einige einfache Übungen um das Gehirn zu trainieren, diese abgespeicherten Informationen bei Bedarf wieder zu finden. Ziel des Trainings ist die Wachheitszentrale im Gehirn, die „Formatio Reticularis“, eine wichtige Schaltstelle für die bewusste Verarbeitung von Informationen. Die Wirkung der Übungen ist wissenschaftlich nachgewiesen: durch die Übungen steigt die Anzahl der Verästelungen zwischen den Gehirnzellen. „Bei trainierten Leuten sind bis zu 10. 000 dieser Dendriten nachweisbar, bei Untrainierten sinkt die Zahl auf 1.000 und weniger ab. Angeregt wird auch die Bildung der Botenstoffe zwischen den Zellen, der so genannten Neurotransmitter“, sagt Lehrl.
Das regelmäßige Training hat noch einen zweiten positiven Effekt, es steigert die Sauerstoffversorgung im Gehirn. Die feinsten Blutgefäße im Gehirn, die Kapillaren, werden angeregt, sich weiter zu verästeln. Die Verästelung der Kapillaren sorgt für einen höheren und schnelleren Sauerstofftransport. So gelangt der Sauerstoff schneller an die Nervenzellen und die Nährstoffzufuhr wird erhöht. Am besten eignen sich Übungen, die der Routine im Hirn ein Schnippchen schlagen: Scrabble, Anagramme bilden, auf dem Kopf stehende Texte lesen und ganz einfache Dinge, wie z. B. das Alphabet verkehrt herum aufsagen. Die Gesellschaft für Gehirntraining gibt an, dass bereits nach zwei Wochen mit einem täglichen Training von ca. 15 Minuten eine Steigerung des IQs um 10 bis 15 Punkte möglich ist. Aber erst das kontinuierliche Training sorgt für eine anhaltende Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit. Vernachlässigt man die Übungen, sinkt der IQ schnell wieder auf das alte Niveau.
Text: Thorsten Egenolf (the) Nachdruck, auch Auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung